Leben im Gebirge – eine Welt der Extreme

Je höher man einen Berg hinaufsteigt, desto unwirklicher und lebensfeindlicher werden die Lebensbedingungen für die Tiere und Pflanzen. Schnee und Eis bleiben lange liegen, die Vegetationsperiode erstreckt sich oft nur über wenige Monate. Die Durchschnittstemperaturen sinken zum Gipfel hin pro 100 Höhenmeter um etwa 0,5 Grad Celsius ab. Auch die Sonneneinstrahlung ist sehr intensiv. Im Sommer können die täglichen Temperaturschwankungen in unmittelbarer Bodennähe ohne weiteres 50 Grad Celsius betragen. Und obwohl viel Niederschlag fällt, drohen die Pflanzen auszutrocknen, da der ständig wehende Wind die Verdunstung fördert. Nicht zuletzt ist die Gebirgszone ein äußerst instabiler Lebensraum, der sich durch Erdrutsche und Lawinenabgänge ständig verändert.

Überlebenskünstler am Fels

Felsstandorte kommen kleinräumig fast im gesamten Allgäu vor, besonders entlang der windgefegten Grate und Kämme der höheren Lagen. Solche Felsfluren sind extreme Standorte. Pflanzen und Tiere, die hier leben, müssen mit großen Temperaturschwankungen, starker UV-Strahlung, winterlicher Kälte, sommerlicher Hitze, hohen Windgeschwindigkeiten und zeitweiliger Trockenheit klar kommen. Auch der lebensnotwendige Humus ist Mangelware. Die Pflanzen am Fels sind auf angewehten Feinstaub, verrottendes Pflanzenmaterial und auf die Nährstoffe in Tierexkrementen angewiesen. Um mit diesen schwierigen Umweltbedingungen zu recht zu kommen, haben die Pflanzen zahlreiche Tricks entwickelt: Polsterwuchs, Blattrosetten, derbe, wasserspeichernde Blätter und tiefe Pfahlwurzeln sind nur einige der Anpassungen, die Pflanzen wie Aurikel (Primula auricula), Herzblättrige Kugelblume (Globularia cordifolia) und verschiedenen Fingerkraut- und Steinbrecharten ein Überleben im Extremen ermöglicht. Dabei ist für die Pflanzen Fels nicht gleich Fels: So wachsen beispielsweise auf Kalkgestein ganz andere Arten als auf Silikatgestein. Auch die Ausrichtung zur Sonne und das Vorhandensein oder Fehlen von Wasser hat Einfluss auf die Artenzusammensetzung an den einzelnen Standorten. Wichtig sind die Felsregionen auch für einige unserer schönsten und spektakulärsten Vogelarten: Wanderfalken (Falco peregrinus), Uhus (Bubo bubo) und Steinadler (Aquilea chrysaetos), aber auch die in den Bergen im Allgäu allgegenwärtige Alpendohle (Pyrrhocorax graculus), brüten bevorzugt im Fels.